
6. Bericht: Von Tanger
nach Guilmim (26.11.04 -
31.12.04)Nach einigen
Eingewoehnungstagen in Tanger
sind wir am 26.11. wieder
gestartet. Zunaechst sind wir an
den nordwestlichsten Punkt
Afrikas geradelt: Cap Spartel.
Hier gibt es lediglich einen
Leuchtturm und eine Grotte
anzuschauen. Die Fahrt dorthin
war allerdings beeindruckend,
ging sie durch eine reiche
Villengegend und an einem
Koenigspalast vorbei ca. 15km nur
steil bergauf, um dann mit einer
rauschenden Abfahrt auf
Meeresniveau zu enden. Unterwegs
haben wir auch gleich unsere
ersten Kamele gesehen! Wir sind
dann der Kueste weiter ueber
Asilah, Larache und Kenitra
Richtung Rabat gefolgt, zum Teil
auf der Hauptstrasse mit
Seitenstreifen, zum Teil auf
Nebenstrassen, wo kaum Verkehr
herrschte, da die Strasse nur so
von Loechern uebersaet war oder
gar so von Sand zugeweht war,
dass wir schieben mussten.
Hier waren die Doerfer zum Teil
sehr, sehr arm. Eine derartige
Armut ist uns so auf dem Rest der
Strecke nicht mehr begegnet.
Ueberall wird bis auf den letzten
nutzbaren Quadratmeter
landwirtschaftlich angebaut, oft
dann mit einem Direktverkauf der
Produkte am Strassenrand.

In der Hauptstadt Rabat
angekommen, mussten wir
feststellen, dass unsere
kostenlosen Ersatzreifen der
Firma Schwalbe doch etwas laenger
brauchten als gedacht. So haben
wir uns in Ruhe Rabat angesehen.
Beeindruckend ist der 44m hohe
Le Tour Hassan, ein
Minaret aus dem Jahr 1195, die
dazugehoerende Moschee ist 1755
bei einem Erdbeben zerstoert
worden. Hierbei handelt es sich
uebrigens um das Erdbeben, das
auch Lissabon zerstoert hat.
Ferner gibt es hier eine alte
roemische Festung, die Chellah.
Ein herrlicher, ruhiger Ort, an
dem man den Jubel und Trubel um
sich herum einmal vergessen kann.
Hoehepunkt waren allerdings nicht
die Ruinen, sondern eine riesige
Storchenkolonie, die es nicht
weiter nach Suedafrika gezogen
hatte. Gut gefallen hat uns auch
die Kasbah, die alte Wehranlage
der Stadt. Dann haben wir noch
den jaehrlichen
Wohltaetigkeitsbazar der
diplomatischen Vertretungen
besucht, das war herrlich:
Speisen und Waren aus aller Welt!
Dann hatten wir auch schon genug
von Rabat und dem Regen der
letzten fuenf Tage. Den ersten
sonnigen Tag haben wir genutzt,
um nach Casablanca
weiterzuradeln, um dort
weiterzuwarten.


Gleich am ersten Abend haben
wir in der Jugendherberge Steffen
kennengelernt. Fuer ihn war es
der letzte Tag einer
neunmonatigen Fahrradreise. Wir
haben uns sehr gefreut, endlich
einmal einen Langstreckenradler
zu treffen, und haben uns bis
spaet in die Nacht unterhalten,
waehrend er seine Sachen gepackt
hat, da er am naechsten Tag per
Bus nach Deutschland
zurueckfahren wollte. Steffen
hatte die gleiche
Spezial-Vorderradlampe wie wir,
und da Hendriks Lampe inzwischen
ihren Geist aufgeben hatte, waren
wir froh, Steffen die Lampe
abkaufen zu koennen. Mit Licht am
Rad faehrt es sich in Marokko
auch tagsueber doch einfach
sicherer!

Casablanca gleicht heute eher
einer europaeischen modernen
Stadt und hat mit dem
gleichnamigen Film mit Humphrey
Bogart nicht mehr viel gemein.
Auch hier gibt es nicht so viel
anzuschauen, und die
touristischen Highlights waren
schnell abgehakt. Die Hassan II
Moschee, das drittgroesste
religioese Gebaeude der Welt (
als wenn man die 600 Mio Dollar
nicht besser haette anlegen
koennen) hat es uns nicht so
angetan. Gut gefallen hat uns
dagegen die Cathedrale du Sacre
Cuer, eine riesige aufgegebene
Kathedrale, die jetzt als Museum
dient, und wo es gerade eine
Aus-stellung marokkanischer
Kuenstler gab. Per Zug sind wir
dann nach fuenf Tagen noch einmal
zurueck nach Rabat gefahren, um
endlich unsere Reifen beim
Hauptpostamt in Empfang zu
nehmen. Wir waren gluecklich, als
es hiess, unser Paket sei da. Der
Zollbeamte begutachtete alles,
wir fragten uns zwar, wie
Schwalbe es geschafft hatte, die
vier Reifen so kompakt zu
verpacken, als wir feststellten,
dass sie uns das falsche Paket
geben wollten! Schreck lass nach,
das Herz rutschte uns in die
Hose; was, wenn sie nun der
anderen Person unsere Reifen
gegeben hatten? Erneut machte
sich ein Beamter auf den Weg, um
unser Paket zu suchen, und kam
dann gluecklicherweise mit dem
richtigen zurueck. Der Zoll
wollte auch keine Importgebuehr,
so dass wir lediglich 2,5 Dirham,
das sind ca. 10 Cent,
Bearbeitungsgebuehr bezahlen
mussten.
Weiter fuehrte uns unsere
Route dann von der Kueste weg
nach Marrakech. Diesmal mussten
wir die Hauptstrasse nehmen, und
jetzt lernten wir die
abenteuerliche Fahrweise der
Marokkaner erst richtig kennen:
Total wahnsinnig, da wird
ueberholt, wo es geht oder eben
auch nicht. Wir waren froh, nach
dreieinhalb Tagen heil in
Marrakech anzukommen! Das
besondere an Marrakech ist der
Djemaa el-Fna Platz.
Hier treffen sich allabendlich
Musiker, Gaugler,
Geschichtenerzaehler,
Wunderheiler, und jede Menge
Essensstaende werden aufgebaut,
und es herrscht eine tolle
Atmosphaere. Leider ist es auch
sehr touristisch, das heisst,
jeder wollte sofort Geld, etwas
nervig. In unserem Hotel gab es
abends ein tolles Bueffet, und
wir konnten endlich einmal
richtig gut
vegetarisch-marokkanisch essen.
Von Marrakech mussten wir dann
den hohen Atlas ueberqueren.
Zunaechst ging es sanft bergan
bis auf ca. 800m, dann kam der
erste Pass mit ca.1200m, dann der
naechste mit 1300m. Anschliessend
ging es kraeftig bergab, nur um
dann erneut noch mal bis auf
1200m hochzugehen. Die Landschaft
war beeindruckend: in der Ferne
schneebedeckte Gipfel und davor
Palmen.
Der Verkehr war allerdings
moerderisch, da es nur drei
wesentliche Strassen gibt, die
vom Norden Marokkos in den Sueden
fuehren. Dabei muessen alle ueber
die Berge, die eine geht jedoch
ueber so hohe Paesse, dass dort
schon Schnee das Fahren
erschwert, wie wir von anderen
Reisenden erfahren hatten, so
dass sich der Verkehr auf unsere
Route zu konzentrieren schien.
Unterwegs mussten wir desoefteren
wild campen, da es einfach keine
Orte gab; wir waren froh,
ueberhaupt Wasser und Brot zu
finden. Das wilde Campen zwischen
Akazien fuehrte dann jedoch dazu,
dass wir unerwartet viele
Plattfuesse (drei in drei Tagen)
und eine platte Thermarestmatte
zu flicken hatten. Die kleinen
Dornen sind gemeiner als alles
andere, was sich uns bis jetzt
sonst noch in den Weg gelegt hat.
Was Platten angeht, sind wir aber
bis jetzt gut dran: 10 auf
7250km!!!!


In Agadir haben wir dann die
marokkanische Schwiegermutter
Hendriks ehemaliger Kollegin und
Nachbarin in Hamburg besucht. Da
wir sie bereits vor einem Jahr in
Hamburg kennengelernt hatten, gab
es einen herzlichen Empfang.Wir
wurden lecker
vegetarisch-marokkanisch bekocht
und verwoehnt. Gleichzeitig haben
wir bei Gespraechen mit der
Familie sehr interessante
Eindruecke und Erkenntnisse ueber
Marokko gewonnen. Bei ihrem
letzten Besuch bei der Familie
hatten unsere Nachbarn schon ein
Paket mit Medikamenten und
Diabeteshilfsmitteln fuer Hendrik
sowie Reisefuehrer und Karte fuer
Westafrika mitgenommen und
deponiert, welche wir jetzt
dankbar in Empfang nahmen. Durch
diese Aufstockung sollte Hendrik
jetzt mit allem Noetigem fuer
seine Diabetes fuer die naechsten
fuenf Monate versorgt sein

Heilig Abend haben wir es nur
bis Mirleft, kurz vor Sidi Ifni,
geschafft. Auf dem Weg sind wir
an Millionen von zum Glueck schon
toten Heuschrecken am
Strassenrand vorbeigekommen. An
einigen Stellen lagen sie so
dicht, dass es schon richtig nach
Ass roch!
Waehrend es draussen mal wieder
regnete (wie bereits seit drei
Tagen), haben wir bei
Kerzenschein unser
Weihnachtsmenue im Hotelzimmer
gekocht: Pasta mit Sauce.
Am naechsten Tag haben wir dann
endlich Sidi Ifni erreicht. Gut,
dass wir nicht am Vortag die
Strecke gefahren waren, denn der
Regen hatte die Strasse ganz gut
ueberschwemmt gehabt. Selbst
jetzt war noch ein Fluss ueber
die Strasse getreten, den wir
erst durchradeln mussten, um in
die Stadt zu gelangen.
In Sidi Ifni haben wir dann
Qurtier im Suerte
Loca bezogen, ein
familiengefuehrtes Hotel mit
Restaurant. Hier haben wir
endlich mal wieder richtig gut
gegessen. Das Hotel war bis auf
das letzte Zimmer ausgebucht, und
Leute aus aller Welt waren da.
Wir haben uns mit zwei
franzoesischen Paaren
angefreundet und die Abende mit
Uno-Spielen verbracht. Ausserdem
gab es ein einige Male
Live-Musik. Ansonsten gab es
nicht viel zu tun in Sidi Ifni.
Seit die Spanier die Stadt 1969
verlassen haben, scheint die Zeit
stehen geblieben zu sein. Zum
Glueck wurde das Wetter auch
besser, nach dem Regen kam erst
einmal ein kraeftiger Wind, dann
endlich die Sonne!
Es fiel uns richtig schwer,
diesen gastfreundlichen, tollen
Ort zu verlassen, doch die Sahara
rief. Am 30.12. sind wir gut
gelaunt und erholt Richtung
Guilmim aufge-brochen. Am 31.12.
haben wir Guilmim, das
selbsternannte Tor zur Sahara,
erreicht. Sylvester haben wir
dann bereits in der Sahara bei
einer sternenklaren Nacht bei
4°C verbracht. Als Gaeste hatten
wir ein, zwei
Wuestenspringmauese.
Happy New Year!
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